Aktueller Bericht von "Die Welt.de" über Klassenfahrten
Fliegendes Klassenzimmer
Warum Schulfahrten aus dem Reisekatalog immer beliebter werden - Mehr Pauschalpakete
von Kira B. Hanser
Generationen von Schülern wissen, daß Klassenfahrten - gleich nach den Ferien - das schönste an der Schulzeit sind. Sie bleiben prägende Erinnerungen, die irgendwo gespeichert sind, um spätestens beim Abiturtreffen nach zehn, zwanzig Jahren wieder hervorgekramt zu werden. Weißt Du noch, als...?Pädagogisch korrekt ausgedrückt sind Klassenfahrten ja eigentlich keine Urlaubsreisen, sondern die Fortsetzung des Unterrichts mit anderen Mitteln, weshalb sie auch grundsätzlich nur zwischen Montag und Freitag stattfinden. Sie basieren auf einer mehr oder weniger freiwilligen Lehrerleistung. So sehen das die Pennäler natürlich nicht, ihnen geht es vornehmlich um Spaß und harmlose Streiche; den täglichen Sehenswürdigkeitsmarathon absolvieren und trotzdem die Nächte gemeinsam durchfeiern. Eine kleine Freiheit von den Eltern, ein großer Schritt in die Selbständigkeit. An den Motiven hat sich bis heute nichts geändert, an der Reisequalität sehr wohl.
So gehen die Zeiten zu Ende, in denen die Schulen noch Klassenfahrten selbst organisierten, um die Schüler stets in dieselbe Herberge zu schicken ("seit 1956 nach Pelzerhaken!"). Nichts mehr mit Brotstullen und lauwarmem Hagebuttentee als Verpflegung, mit Doppelstockbetten in penetrant nach Bohnerwachs riechenden Schlafsälen.
Immer häufiger buchen Lehrer und Elternvertreter lieber die maßgeschneiderten Angebote der rund ein Dutzend Schulreiseveranstalter, die immer stärker auf den Markt drängen. Das hat mehrere Gründe. "Die bequeme Abwicklung zielt vor allem auf eine Verlagerung des Haftungsrisikos von der Schule zum Reiseveranstalter hin", erklärt der Berliner Experte Jens D. Kosmale, Geschäftsführer des gemeinnützigen Vereins Bundesforum Kinder- und Jugendreisen. Gibt es Ärger, ist die Schule erst einmal aus dem Schneider. Auch die günstigeren Einkaufskonditionen der Anbieter spielen, angesichts klammer Kassen von Schulen und Eltern, eine große Rolle. "Die Preissensibilität nimmt zu" weiß etwa FTI-Abteilungsleiterin Petra Popall, trotzdem seien Auslandsreisen der Renner. Der Münchner Veranstalter bietet Klassenfahrten von der achttägigen All-inclusive-Flugreise mit Hotel nach Alanya in der Türkei (im Dreierzimmer für 379 Euro) bis zur Sprachreise nach Südengland (ab 199 Euro) an.
Von der Preisgestaltung her halten sich alle Veranstalter sowieso im Bereich der Richtlinien der Kultusministerien. In fünf Bundesländern werden nämlich konkrete Höchstbeträge für Klassenfahrten genannt. Diese liegen zwischen 150 und 500 Euro pro Person. Ausnahme: die Privatschulen, von denen einmal bei FTI ein "Stopover in Asien" auf dem Weg zum Schüleraustausch nach Australien gebucht wurde.
Gefragt sind vor allem Pauschalpakete, die inzwischen auch gleich mit Reiseleitung, Versicherungen und dem einen oder anderen Freiplatz ("jeder 11. Teilnehmer ist frei") feilgeboten werden. Besonders favorisiert werden Städtetrips in Deutschland und Europa, besonders beliebt sind Berlin, Rom, London und Prag, aber auch sportliche Klassenfahrten wie Skicamps in den Alpen, Paddeln über die Flüsse und Segeltörns auf der Ostsee.
Der Klassenreisenmarkt gilt bei den Veranstaltern als begehrlich. Denn jedes Jahr gehen 20 Prozent der bundesdeutschen Schüler auf große Fahrt. Der Jahresumsatz wird von den Experten auf 300 bis 800 Millionen Euro Umsatz geschätzt.
So hat der DJH, größter Anbieter von Klassenreisen mit 4,3 Millionen Übernachtungen, aber rückläufiger Tendenz, mehr als 100 einfallsreiche Pauschalprogramme ausgearbeitet, die mit der überalterten Vorstellung einer Jugendherbergsreise so gut wie nichts mehr zu tun haben. Da gibt es einen Benimmkursus am Bodensee ("Vom Neandertaler zum Gentleman") oder Konflikttraining in Hannover ("Zivilcourage"). Mit einem neuen Europa-Katalog, der auch "Lehrern ein Höchstmaß an Komfort" bieten soll, versuchen die Herbergsväter, ihre Kernklientel zu behalten - mit Reisen nach Paris, London, Dublin, Rom, Brüssel, selbst zur Côte d'Azur, alternativ mit Hotelübernachtung, was will man mehr.
Der Veranstalter ITS Reisen, der seit einem Jahr Klassenreisen anbietet, hat sein Programm im neuen Katalog bereits verdoppelt: Es gibt 99 Klassenreisen mit Schwerpunkt Deutschland, aber auch nach Frankreich, England, Holland, Italien, Österreich und der Schweiz. Neue Reiseziele sind Spanien, Tschechien und Ungarn.
Bei allen Angeboten wird eine Klassen-Empfehlung ausgesprochen. Besonders gern gesehen sind Segeltouren an der Ostsee (fünf Tage ab 179 Euro). "Erstmals gibt es bei uns eine Lehrer-Ausfallversicherung", sagt Bereichsleiter Udo Schröder (der einst selbst die Klassenreisen seines Sohnes organisiert hat), damit die nächste Klassenreise ganz bestimmt stattfindet.
Die Deutsche Bahn wiederum, mit etwa 150 Angeboten in Deutschland und Europa, bietet jetzt ihre Klassenfahrten auch als Alternative schienenlos, nämlich mit Bussen an. Neu sind pädagogische Komplettangebote, zum Beispiel in Kooperation mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt oder dem Bund für Umwelt und Naturschutz.
Und der Spezialist Welcome Berlin Tours, der trotz des irreführenden Namens Klassenreisen quer durch die Republik und Europa anbietet, hat eine Mitfahrbörse eingerichtet: Dort suchen Klassen andere Klassen, damit die gemeinsame Reise billiger wird.
Immer mehr Veranstalter liefern auch gleich die pädagogischen Reisebegründungen mit (so sei eine Rimini-Reise mit Partygutscheinen "geeignet für Geschichte, Kunsterziehung und Ethik", rät ein Leipziger Anbieter), was die erste Kritik der Pädagogen auf den Plan gerufen hat. Sie befürchten eine zu hohe "Spaßorientierung".